"Sieh, das Gute liegt so nah"

Das LL.M.-Studium in Krakau



Tag: LL.M., Jura, Polnisches Recht, Krakau

Verfasser: M. Kroll
Quelle: StudJur

Ein Vorlesungsraum, fünfzehn Deutsche sitzen still, die Pferde klappern draußen mit ihren Hufen auf den Asphalt, ein Professor trägt gerade die Grundsätze des Sachenrechts auf Deutsch vor und es wäre hier nichts Ungewöhnliches, nur dass es sich bei dem Professor um einen polnischen Wissenschaftler handelt, der das polnische Kausalitätsprinzip im polnischen Krakau deutschen Jurastudenten und Absolventen beibringt. Krakau gilt seit Jahren als die Kulturstadt Europas und wird vor allem im Sommer durch tausende von Touristen belagert, aber ein großer Teil von Krakaus Einwohnern besteht auch aus den Studenten der um die 25 Hochschulen. Die 1364 gegründete Jagiellonen Universität mit ihrer weltbekannten juristischen Fakultät pflegt eine sehr enge Zusammenarbeit mit der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, sodass 2003 die Schule des Polnischen Rechts und vor einem Jahr das damit verbundene LL.M. - Studium im Polnischen Wirtschaftsrecht ins Leben gerufen werden konnte.

Das Studium

Das LL.M.-Studium basiert zum einen auf dem Programm der „Schule des Polnischen Rechts“, die ein Semester von März bis ca. Ende Juni dauert und die Anwesenheit vor Ort in Krakau erfordert. Der zweite Teil und somit das zweite Semester besteht aus der Ausarbeitung der LL.M.-Arbeit und ist nicht an die Präsenz in Krakau, außer einem Wochenende im Oktober, an dem ein Seminar in Krakau stattfindet, gebunden. Das LL.M.-Programm ist in Polen offiziell als Postgraduiertenstudiengang (studia podyplomowe) konzipiert und richtet sich an deutschsprachige Absolventen der Rechtswissenschaften, die bereits das Erste Staatsexamen hinter sich haben. Es reicht aber aus, dass nur der schriftliche Teil des Ersten Staatsexamens vorgelegt wird und der mündliche nach dem ersten Semester des LL.M.-Programms nachgereicht wird, womit man eine gute Alternative hat, um die Wartezeit nach dem schriftlichen Examensteil sinnvoll zu überbrücken. Thomas Kusiak, Assessor aus Hannover, hat sich wegen neuer beruflicher Möglichkeiten für das LL.M.-Studium in Krakau entschieden, aber auch, da seine Familie aus Polen stammt und er seine Sprachkenntnisse verbessern wollte. Dies sind oft Hauptgründe, die die Teilnehmer erwähnen, aber Sergiusz Szuster, Geschäftsführer der Schule des Polnischen Rechts, fügt hinzu, dass nur etwa 1/3 der Teilnehmer frühere, insbesondere familiäre Kontakte zu Polen besitzen, 2/3 der Teilnehmer verfügen über keine Beziehungen zu Polen.

Das Programm selbst ist aufwendig und anspruchsvoll. Der erste Programmteil beinhaltet mindestens 280 Stunden Vorlesungen im Bereich des polnischen Wirtschaftsrechts. Der Schwerpunkt liegt im Allgemeinen Teil des Zivilrechts, Schuldrecht, Gesellschaftsrecht (Personenhandels- und Kapitalgesellschaften), Internationalen Privatrecht, Öffentlichen Wirtschaftsrecht, Sachenrecht aber auch Politik und Wirtschaft in Polen. Aus diesen Fächern werden auch Pflichtklausuren gestellt. Zur Auswahl stehen ferner Wahlfächer wie Arbeits-, Insolvenz, und Verfassungsrecht, aus denen eine Klausur geschrieben werden muss. Wer Lust hat, kann auch sein Wissen im polnischen Verwaltungsrecht bzw. bei der Vertragsübersetzung vertiefen. Interessant ist auch ein ganztägiges Pflichtseminar, innerhalb dessen aktuelle Rechtsprobleme durch Spezialisten aus einem bestimmten Gebiet dargestellt werden, zuletzt zum Thema Energierecht. Das erworbene Allgemeinwissen zum polnischen Recht und zu den Unterschieden zum deutschen Rechtssystem kann dann beim Verfassen der LL.M.-Arbeit bzw. im Europäischen Graduiertenkolleg vertieft werden. Auch wenn zunächst gravierende Unterschiede zum deutschen Recht entdeckt werden, etwa dass in Polen kein Abstraktionsprinzip, sondern der Kausalitätsgrundsatz herrscht, ist das polnische Recht dem deutschen Recht in den meisten Punkten sehr ähnlich, immerhin wurden einige deutsche Rechtsgrundsätze übernommen und das polnische Recht ist oft an europäische Vorgaben angeglichen.

Auch die (anfängliche) Sprachbarriere soll kein Hindernis sein: alle Vorlesungen werden von polnischen bzw. deutschen Dozenten auf Deutsch geführt. Die Skripten sind auf Deutsch verfasst, ebenso Lernbücher und etliche übersetzte Gesetzestexte, die den Teilnehmern umsonst zur Verfügung gestellt werden. Zudem besteht die Möglichkeit oder eher die Pflicht an einem Intensivsprachkurs teilzunehmen: in den ersten zwei Wochen des Semesters täglich, danach je nach Schwierigkeitsgrad zwei bis drei Stunden (= je 90 Minuten!) wöchentlich.

Täglich zwei bis drei Vorlesungen, Sprachkurs und Selbststudium - für ein ordentliches und vertieftes Studium wird also gesorgt. Ab etwa Ende Mai bis zum Semesterende werden acht Pflicht- und je nach Wahlfach bis zu zwölf Klausuren geschrieben. Und wenn man eine fünf bekommt, dann soll man guter Laune sein, denn das polnische Benotungssystem sieht die Noten in umgekehrter Reihenfolge zu der deutschen Benotung vor, wo fünf ein „sehr gut“ und zwei ein „mangelhaft“ bedeutet.

Der Abschluss des Programms

Der zweite Teil des Studiums erfordert eine LL.M-Arbeit sowie ein zweitägiges Seminar zum Zugang und zur Anwendung von polnischer Fachliteratur und Rechtsprechung sowie aktueller Rechtsproblematik. Die Arbeit selbst kann dabei zu den bevorzugten Themen aus u.a. Gesellschafts-, Schuld-, Insolvenz- oder auch dem Öffentlichen Wirtschaftsrecht geschrieben werden. Dabei kann der Teilnehmer bei der Verfassung der Arbeit immer mit dem zugeteilten Dozent Rücksprache halten. Die LL.M. Arbeit ist auf Polnisch anzufertigen, kann aber auf Antrag bei Angabe von besonderen Gründen auch auf Deutsch geschrieben werden. Die Arbeit wird im März benotet, so dass bis Ende April eine Abschlussbestätigung stattfindet, die zur Erlangung des LL.M.-Titels führt. In die Abschlussnote fließen die Durchschnittsnote aus den Prüfungen innerhalb der Schule des Polnischen Rechts und die Note der LL.M.-Arbeit im Verhältnis 3:1 ein.

Das ist aber noch nicht alles: Um den praktischen Einsatz des polnischen Rechts näher kennen lernen zu können, werden Praktika bei renommierten polnischen Rechtsanwaltskanzleien, internationalen Großkanzleien sowie Unternehmen mit Sitz in Krakau und Warschau angeboten. Wer fleißig genug ist, kann das Praktikum oder einen Nebenjob auch während des Semesters absolvieren. Es ist aber zu bedenken, dass das Lernprogramm sehr komprimiert ist und die Zeit zum Lernen vor der Prüfungszeit etwas knapp sein könnte.

Organisatorisches

Innerhalb eines Jahres kann ein deutscher Jurist somit gleich um die Ecke, im für viele unbekannten und „wilden“ Polen einen LL.M.-Titel erwerben. Zu Beginn genügt es, ein Formular in zweifacher Ausfertigung auszufüllen, Zeugnisse beizufügen, einen Lebenslauf zu verfassen, eine Bescheinigung der Krankenversicherung beizulegen und zur Post zu bringen. Für das LL.M.-Programm ist dabei ein Aufwand von 18.000 PLN also umgerechnet etwa 4.500 Euro erforderlich. Vergeben werden aber auch in Zusammenarbeit mit dem DAAD im Rahmen der Initiative „Go East“ 20 Stipendien, was die Organisationskosten der Schule des Polnischen Rechts sowie 1/3 der Gesamtkosten des LL.M.-Programms abdeckt. Ferner deckt der DAAD durch eine Einmalzahlung Reisekosten in Höhe von 100 Euro, so Sergiusz Szuster. Voraussetzung für das Stipendium sind ein Antrag mit entsprechender Begründung der Teilnahme an dem Programm und ein Höchstalter von 32 Jahren, bei Einhaltung der Antragsfrist für die Aufnahme zum nächsten LL.M.-Programm sowie für das Stipendium (in diesem Jahr: 31.12.2009 bzw. 28.02.2010).

Für die Probleme des täglichen Lebens wurde ein exzellentes Organisationsbüro geschaffen, das in jeder Angelegenheit, nicht nur universitärer Art, fast rund um die Uhr erreichbar ist. Die Geschäftsleitung erleichtert insbesondere die Einführung in das Leben im Krakau und hilft zuverlässig bei der Lösung jedes Anliegens, ggf. auch schon vor der Ankunft in Krakau, etwa bei der Vermittlung der Wohnung: es steht dabei ein Studentenwohnheim zur Auswahl, in dem die monatliche Miete umgerechnet nicht mal 70 Euro beträgt. Bei etwas höheren Ansprüchen muss man mit durchschnittlich 300-400 Euro rechnen. Die weiteren Kosten hängen von den eigenen Gewohnheiten ab, die Lebenshaltungskosten sind aber günstig und das bunte Kultur- und Nachtleben macht den Aufenthalt in Krakau aufregend und unvergesslich. „Das LL.M.-Programm verstärkt die deutsch-polnischen, nicht nur formellen aber vor allem auch die zwischenmenschlichen Beziehungen“ meint Sergiusz Szuster mit einem Rückblick in die Vergangenheit. „Der Aufenthalt in Krakau hat bereits zu vielen Freundschaften und Ehen geführt. Manche von den Teilnehmern sind an der Jagiellonen-Universität geblieben und arbeiten hier wissenschaftlich“.

Fazit

Das LL.M.-Studium bietet letztendlich eine enorme berufliche Chance: Polen ist mit seinen 38 Mio. Einwohnern der größte Staat Osteuropas, der mit Deutschland die engsten und intensivsten Wirtschaftsbeziehungen unterhält. Aus diesem Grund wird nach deutschen Juristen gesucht, die nicht nur in der freien Wirtschaft, sondern auch in den staatlichen Stellen entsprechende Qualifikationen vorzeigen können. „Das Studium des polnischen Rechts soll die Kompetenzen des deutschen Juristen um die Kenntnisse eines Rechtssystems bereichern, mit dem Deutschland enge geschichtliche, politische und vor allem wirtschaftliche Verbindungen hat.“ erklärt Sergiusz Szuster. Thomas Kusiak bestätigt das und fügt hinzu: „Das Programm war sowohl fachlich als auch persönlich ein großer Gewinn. Durch die umfangreiche Betreuung und Planung entstanden für mich viele persönliche Kontakte zu anderen Teilnehmern, die sicherlich über den Aufenthalt hinaus wirken werden. Auch bieten sich durch das erworbene Fachwissen, das absolvierte Praktikum und den Kontakt zu Jagiellonen Universität berufliche Perspektiven für eine Tätigkeit im polnischen Raum.“ Die meisten Deutschen Rechtswissenschaftler neigen weiterhin dazu, ihre Kenntnisse im nordamerikanischen oder australischen Recht zu vertiefen, obwohl der wichtigste Kooperationspartner viel näher liegt. Daher - lieber Student, Referendar oder junger Rechtsanwalt, „Go East“, denn im Westen nichts Neues und der Osten - trotz globaler Krise - boomt.